Remarkably "Bittersweet"
Ein Film für Sonntag-Nachmittag
Ich möchte euch einen Film empfehlen,
der in einen entspannten Nachmittag am Wochenende passt, wie “Humble me” von Norah Jones zum Familien-Frühstück oder das Dümpeln in 39 Grad warmem Thermalwasser zu kühlen November-Abenden.
Ein Film der keine Barrikade aufbaut, die mit geistiger Eigeninitiative und voller Aufmerksamkeit überwunden werden muss (Ich denke an die ARTE-Mediathek oder Mubi), sondern uns von Anfang an die Tür öffnet, begrüßt und nach 100 Minuten, beschwingt, trotz Träne im Augenwinkel, verabschiedet. Manchmal braucht es genau das.
Bevor wir allerdings eintreten können, wartet auf das deutschsprachige Publikum aber doch noch ein kleines Hindernis, ein halbhoher Jäger-Zaun, frisch gestrichene, spitze Holzpfähle, die uns davon abhalten sollen auf “Abspielen” zu klicken … damit meine ich den unfassbar schlechten Titel: „Das Glück hat acht Arme“ - Den Kraken “Marcellus” kann man mit diversen Worten beschreiben, aber nicht mit Glück.
Denn so viel sei gesagt… Der ist weder glücklich, noch hat er Glück.
„Remarkably bright Creatures“ - der Original-Titel - passt besser und fängt dabei noch etwas der Skurrilität des Films ein.
Eine Kleinstadt an der nördlichen US-Pazifikküste (gedreht wurde etwas weiter nördlich in Vancouver), ein Aquarium, eine trauernde Witwe, ihr Holzhaus am Meer und ein, in Gedanken Monologe haltender, befreundeter Kraken. Damit beginnt es. Und weil das nicht reicht, öffnet sich die Kleinstadt-Welt mit kauzigen, liebenswerten Figuren und „Grunge”-Anspielungen. Es wird leicht, dann tiefer, um sich kurz darauf wieder in Komik zu entladen.
Für mich fühlt sich das an wie eine Mischung aus del Toro’s „Shape of Water“ und „My Octopus Teacher“ (fantastische Dokumentation) - beide Oscar-Prämiert - aber in bittersüßen Guss getaucht.
Dabei nicht gruselig, nicht verstörend, und - vielleicht am wichtigsten - nicht zu lang!… geht also auch mit kleineren Kindern.
Olivia Newman (Drehbuch/Regie), Ashley Connor (Kamera) und Sally Field (Hauptdarstellerin…zwei Oscars gewonnen für Filme, die in Vergessenheit geraten sind) schaffen gemeinsam mit dem Rest des Teams/Cast, Glaubhaftigkeit und Wärme und dadurch eine menschliche Film-Erfahrung.
Wenn ihr also an einen Nachmittag nicht wisst was ihr unternehmen sollt, dann entscheidet zu Hause zu bleiben weil ihr Geld sparen wollt, ihr keine Lust auf Menschen habt oder das Wetter schlecht ist… geht eine kleine Runde spazieren, überspringt danach den halbhohen Netflix-Jägerzaun und startet “Remarkably bright Creatures” in der Originalversion mit Untertiteln.
Wer keine Kraken mag… mehr Lieblings-Filme aus dem „Bittersweet“-Genre:
Captain Fantastic (mit Viggo Mortensen), My old Ass, CODA, Little Miss Sunshine, Peanut Butter Falcon.
Viel Spaß
Liebe Grüße
Felix


