Ich hole jetzt die Kamera, damit ich malen kann...
Vom kreativen Widerstand.
Ich sitze um 4:39 im Keller und habe, für Eltern-Verhältnisse, Zeit. Viel Zeit.
Melina und die Kleine wachen erst in zwei Stunden auf. Aber was will ich mit dieser, „meiner“ Zeit anfangen?
Ich öffne ein Essay-Dokument in Scrivener und schließe es wieder. Ich überlege die „Roman“-Vorlage zu öffnen und das allein scheint mir größenwahnsinnig.
Also doch ein Tagebucheintrag, der nichts sein muss, der mich nicht verpflichtet weiterzumachen. Eine produktive Ausrede.
Aber was will ich denn wirklich machen? Für mich?
Ich denke nicht, dass es Schreiben ist. Zumindest noch nicht. Es ist etwas anderes… Musik. Malen. Das hilft meinem Kopf. Beim Schreiben fällt es mir schwer mich nicht von außen zu betrachten, mich nicht ständig zu hinterfragen, nicht daran zu denken, was es mal werden könnte, wenn es „fertig“ ist. Was auch immer das bedeutet.
Wenn ich jetzt an das Bild denke, das neben mir auf dem Glastisch liegt - darüber hart gewordene Kleber-Kartuschen, ein Netzteil, ein Objektiv, ein Diffusor - ein Hammer, eine Zange, die Metall-Kiste für die externen Festplatten und Foto-Erinnerungen, Melinas defektes Iphone, das „nicht gerettet“ von der „Datenrettung“ zurückkam, ein Lan-, ein Klinken-, ein Mini-USB-Kabel, ein Luftreiniger, eine kleine Kiste in der Garn liegt, vier Bleistifte, ein Fine-Liner, ein Gehörschutz, eine Dreifach-Steckdosenverlängerung, eine Spachtel, eine Laptop-Tasche, eine Wäscheklammer, ein Stimmschlüssel, eine Kartusche „Otto SEAL M360“ in Kartuschenpresse - kommt die nächste Ausrede: Ich habe bis jetzt jeden Schritt gefilmt um dann ein Zeitraffer-Video vom Prozess zu schneiden. Kamera liegt oben… Wirklich schade… da kann ich wohl nicht weitermachen…
Wie sieht es mit Video aus? Ist es das was ich mit meiner Zeit anfangen will? Ich denke nicht. Mein sicherer Hafen ist analog… der Kern kreativer Energie.
Ich brauche meine Werkzeuge hier unten im Keller. Alles was mein Ausdrücken fördern kann, muss hier sein, zu jeder Zeit. Nur die Kamera wandert. Die Gitarre auch? Die ist zu sperrig um jeden stillen Morgen den Abstieg mitzumachen. Ist das wieder eine Ausrede? Brauche ich eine Keller-Gitarre?
Es ist 4:52 und die ersten Außengeräusche dringen zu mir. Vogel-Gezwitscher und eine Mülltonne. Ich höre meinen Tinitus. Das passiert selten. Die Bandproben ohne Gehörschutz sind lange her. Das Unvorsichtige, die Energie der Jugend. Jetzt bin ich vorsichtiger. Zu vorsichtig?
Ich hole jetzt die Kamera, damit ich malen kann.
Was ein seltsamer Satz.
Hoffentlich wecke ich die Beiden nicht.
Die Kamera hat es mit mir nach unten geschafft. Gemeinsam mit der Wasserflasche.
Toilettengang absolviert (braucht es zukünftig einen Eimer im Keller?)
Es liegt immer so viel Hoffnung in den Gedanken über die Routinen der Zukunft.
Als würde ich morgen wieder um 4:15 hier sitzen…
Warum eigentlich nicht?
Ist das nicht viel zu wenig Schlaf?
Vermutlich.
5:32
Tisch freigeräumt.
Kamera aufgestellt.
Widerstand überwunden.
Jetzt kann ich malen.




